Versiegelung

München ist die Stadt in Deutschland mit dem höchsten Anteil versiegelter Fläche“
Die Erklärung für Interessierte:
1. Ist Versiegelung gleich Versiegelung?
Am 30.07.2024 veröffentlichte die Deutsche Umwelthilfe den sogenannten Hitze-Check, in dem 190 Städte hinsichtlich ihrer Versiegelung und der vorhandenen Grünfläche gerankt wurden. Dabei kommt man zu dem Ergebnis, dass die Städte in Deutschland ihre Einwohnerinnen und Einwohner nicht ausreichend vor Hitze schützen.
Zwar befindet sich München auf Platz 80 der Liste, bekommt jedoch in dem von der Umwelthilfe eingeführten Ampelsystem nur die Farbe Gelb. Im bayernweiten Vergleich steht München deutlich besser dar und belegt Platz 16 von 17. Nur Landshut ist besser geschützt und bekommt als einzige bayerische Stadt ein grünes Label.
In dem Ranking wurden sowohl der Anteil der Versieglung (mit undurchlässigen Materialien dauerhaft bedeckter Boden (Gebäude, Straßen)) an der gesamten Siedlungs- und Verkehrsfläche (SuV) sowie die Grünvolumenzahl, also der Anteil dreidimensionaler Vegetationskörper (Bäume, Blühstreifen) auf einer Flächeneinheit mit einbezogen. Die Grünvolumenzahl wird in m³/m² berechnet.
2018 lag München in der Versiegelungsstudie der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf Platz 1 der meistversiegelten Städte. Noch im September 2021 titelte die Süddeutsche Zeitung, dass München „die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands“ sei.
Wenn über die Versiegelung in deutschen oder bayerischen Städten geredet wird, fällt jedoch auf, dass oft verschiedene Standards angewendet werden. Zudem werden die aufgeführten Zahlen dann auch nicht richtig in den Kontext gesetzt.
Verschiedene Datengrundlagen
Oftmals fällt auf, dass verschiedene Studien zur Versiegelung teilweise unterschiedliche Datengrundlagen verwenden, weshalb direkte Studienvergleiche nicht möglich sind.
Zwar gilt als Grundwert bei einem Großteil der Ansätze die versiegelte Fläche, dennoch wird diese manchmal im Vergleich zur Gesamtfläche, zur Siedlungs- und Verkehrsfläche oder auch zur Gesamteinwohnerzahl gemessen, was teilweise zu erheblichen Unterschieden führen kann.
Hinzu kommt, dass in offiziellen Statistischen Daten (bspw. des Bayerischen Landesamtes für Statistik) die Versiegelung aus dem planungsrechtlichen Status eines Gebietes hergeleitet wird. Bspw. fließt eine im Flächennutzungsplan als Wohnfläche ausgewiesene Fläche dann zu 100% als versiegelte Fläche in Berechnungen ein, obwohl in den Bebauungsplänen bzw. durch generelle Vorgaben der Städte Regelungen vorhanden sind, welcher Grünflächenanteil gesamt oder pro Einwohner vorhanden sein muss.
Faktische vs. Gefühlte Versiegelung
Betrachtet man beispielsweise Augsburg und München, fällt auf, dass bei beiden Städten im südlichen Bereich mit dem Augsburger Stadtwald und dem Perlacher Forst in München große Waldgebiete angrenzen, die als Naherholungsgebiete genutzt werden.
Der große Unterschied dabei ist, dass der Stadtwald in Augsburg innerhalb der Stadtgrenze liegt, der Perlacher Forst jedoch als gemeindefreies Gebiet ausgegliedert ist. Städte haben durch das Einbeziehen solcher Grünflächen die Möglichkeit, rechnerische Versiegelungsquoten (wenn sie an der Gesamtfläche der Stadt festgemacht werden) zu beeinflussen.
Ein Rechenbeispiel:
- 2017 war laut Münchner Statistik 13.733 Hektar Fläche von 31.071 Hektar Stadtfläche versiegelt (ca. 44,2%).
- Nimmt man die Fläche des Perlacher Forsts hinzu, läge der Anteil bei 13.733 von 32.434 Gesamtfläche und somit bei 42,3%.
Solche Verzerrungen treten in beide Richtungen auf und führen dazu, dass keine Stadt mit der anderen vergleichbar ist. In Hamburg zählen bspw. große Wasserflächen zum Stadtgebiet, was die rechnerische Versiegelung verringert. In Köln gehören zum Beispiel alle Gebäude und das gesamte, zu 100% versiegelte Vorfeld des Flughafens zum Stadtgebiet (die Start- und Landebahnen mit den großen um sie herum gelegenen unversiegelten Grünflächen jedoch zum Teil nicht), was die rechnerische Versiegelungsquote erhöht.
Historische/geografische Besonderheiten
Aus Regensburg, das im Hitze-Check in Bayern am schlechtesten und bundesweit am drittschlechtesten abgeschnitten hatte, kam der Kommentar, dass es sich um eine Stadt mit mittelalterlicher Struktur handle, die sich insbesondere durch die kompakte Bebauung in der historischen Altstadt auszeichnet. Es gibt also Städte, in denen eine stellenweise hohe Versiegelung in gewisser Weise „natürlich“ und historisch in der Stadtplanung angelegt ist – was auch eine Entsiegelung deutlich komplizierter macht.
2. Vergleich verschiedener Versiegelungs-Rankings:
Die Auswirkungen verschiedener Datengrundlagen und Methodiken auf die Platzierungen von Städten in verschiedenen Studien zeigen sich in dem Vergleich der Städte München, Nürnberg, Köln, Leipzig, Hamburg in den folgenden Erhebungen:
- Hitzecheck Umwelthilfe 2024 à Messen des Anteils der Versieglung an der Siedlungs- und Verkehrsfläche. Versiegelung bedeutet in dem Fall der mit undurchlässigen Materialien dauerhaft bedeckte Boden (Gebäude, Straßen).
- GDV(2023) à Messen des Anteils versiegelter Fläche an der Siedlungsfläche. Versiegelte Fläche ist Boden, der „bebaut, betoniert oder asphaltiert“ ist.
- GDV2018 à Für den Vergleich definierte die VdS acht Nutzungsarten und ermittelte ihren Anteil an der Gesamtfläche von städtischer Bebauung, Verkehrsflächen und Baustellen, die relativ stark versiegelt sind, bis hin zu Wald-, Grün- und Wasserflächen sowie Auen und Ackerflächen.
München
|
Nürnberg
|
Köln
|
Leipzig
|
Hamburg
|
|
Umwelthilfe/
Hitzecheck |
Platz 80/190
45,73% |
Platz 8/190
57,21% |
Platz 37/190
49,72%
|
Platz 107/190
44,94% |
Platz 145/190
41,61% |
GDV 2023
|
Platz 77/134
49.93%
|
Platz 13/134
58,95% |
Platz 56/134
51,70% |
Platz 61/134
51,14%
|
Platz 113/ 134
44,91% |
GDV 2018
|
Platz 1/50
46,6%
|
Platz 5/50
40,4%
|
Platz 19/50
34,3%
|
Platz 17/50
34,6%
|
Platz 15/50
36,2%
|
eigene Daten der
Stadt |
44 % (2019)
|
Keine
Angaben |
34,45% (2023)
|
26% (2017)
|
39% (2021)
|
Vergleicht man die drei Studien, fällt auf, dass insbesondere hinsichtlich der Versiegelungsgrade teils große Unterschiede zu sehen sind. Die Platzierungen haben wenig Aussagekraft, da beispielsweise beim GDV nur die 50 einwohnerstärksten Kommunen in Deutschland, 2023 aber 134 Kommunen untersucht wurden. Die Umwelthilfe hat sogar 190 Städte untersucht.
Betrachtet man die Städte Leipzig oder Nürnberg in den drei Studien, wird deutlich, wie unterschiedlich eine Einordnung erfolgen kann. Insbesondere der Unterschied zwischen GDV 2018 und der Umwelthilfestudie 2023 zeigt hier eine Abweichung von ca. 16,5% (Leipzig) bzw. 16,8 % (Nürnberg).
Die Städte selbst halten sich mit aktuellen Angaben zu Versiegelungsgraden eher zurück, listen jedoch in der Regel eher geringere Prozentzahlen als in externen Studien auf.
Die Tabelle zeigt, dass Berichte über den Versiegelungsgrad von Städten immer bezüglich der Methodik und der Städteauswahl zu hinterfragen sind.
So war München in der Studie des GDV 2018 noch die am stärksten versiegelte Stadt Deutschlands, ehe 2023 ein Platz im Mittelfeld erreicht wurde. Das lag nicht daran, dass in München auf einmal deutlich mehr Grünflächen geschaffen wurden, sondern dass 2023 das Ranking eine andere methodische Grundlage hatte.