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Zuzug und Ansiedlung von Tech-Unternehmen

Fakten zu Behauptungen rund um das Thema Zuzug durch die Ansiedlung von Tech-Unternehmen.

Quelle: Unsplash

Behauptung: Der durch die großen High-Tech-Unternehmen ausgelöste Zuzug nach München sorgt dafür, dass der Wohnraum in der Stadt knapp wird.

Faktencheck: Es gibt keine empirisch belegbaren Daten, die den Zuzug oder die Wohnraumknappheit als direkte Folge der Neuansiedlung oder Standortvergrößerung von Tech-Unternehmen in München belegen. Zwar ist ein gewisser Pull-Faktor durch die Ansiedlung von renommierten Tech-Konzernen zu erwarten, dennoch spielen die Arbeitsplätze der Tech-Unternehmen prozentual am Gesamtarbeitsmarkt und auch anteilig bei den Zu- und Abwanderungsbewegungen eine prozentual deutlich nachrangige Rolle. 

Erklärung für Interessierte:

Die dynamische Entwicklung Münchens spiegelt sich nicht nur im Stadtbild wider, sondern auch in einer florierenden Wirtschaft. Top-Universitäten, renommierte DAX- und IT-Unternehmen, eine niedrige Arbeitslosenquote sowie eine lebendige Kulturszene sind Ergebnisse eines nachhaltigen Wachstums – und machen unsere Stadt zu einem der attraktivsten Lebensräume Deutschlands.

Die Ansiedlung neuer Unternehmen bringt weit mehr als nur wirtschaftlichen Aufschwung: Sie steht für frische Ideen, schafft Arbeitsplätze und treibt den technologischen Fortschritt voran. Dadurch wird München als moderner, zukunftsorientierter Standort weiter gestärkt. Seit Jahren zieht München deshalb neue Bewohnerinnen und Bewohner an – ein Phänomen, das auch in der Debatte um Münchens Stadtentwicklung immer wieder aufgegriffen wird.

Einige Stimmen befürchten, dass dieser zusätzliche Zuzug den Druck auf den Wohnungsmarkt verstärkt, da mit den Unternehmen auch zahlreiche Mitarbeitende in die Stadt ziehen. Diese These wird jedoch kontrovers diskutiert: Während eine erhöhte Nachfrage kurzfristig zu Engpässen und steigenden Mieten führen kann, eröffnen die wirtschaftlichen Impulse zugleich Möglichkeiten, über zusätzliche Investitionen im Wohnungsbau den Bedarf zu decken. Dieses Spannungsfeld zeigt, dass einfache Antworten der Komplexität der Thematik nicht gerecht werden. Im folgenden Faktencheck nehmen wir Münchens Zuzug deshalb genau unter die Lupe.

1. Zahlen und Fakten zum Zuzug in München

Wie viele Menschen ziehen nach München?

Nach Angaben der Münchner Statistik verzeichnete das Jahr 2024 einen Nettozuzug: Insgesamt sind 105.183 Personen in die Stadt gezogen, während 93.771 Einwohner das Stadtgebiet verließen. Das führt zu einem positiven Wanderungssaldo von 11.412 – es sind also mehr Menschen nach München gezogen als die Stadt verlassen haben.

Blickt man auf die Zahlen zum Wanderungssaldo in den letzten Jahren, zeigt sich, dass das Wanderungssaldo schwankt. Einerseits führten beispielsweise Registerbereinigungen im Jahr 2017 und 2023 zu einem negativen Saldo, obschon ohne diesen Effekt ein leichtes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen gewesen wäre. Andererseits sind die Rückgänge im Jahr 2020 und 2021 auf die Corona-Pandemie zurückzuführen, die auch bundesweit zu einem deutlichen Mobilitätsrückgang führte. Insgesamt sind zwischen 2015 und 2024 rund 57.000 Menschen nach München gezogen.

Jahr
Wanderungssaldo
2011
+28.741
2012
+23.259
2013
+17.433
2014
+23.819
2015
+26.795
2016
+14.168
2017
-24.128*
2018
+8.536
2019
+10.840
2020
-3.462
2021
-5.504
2022
+21.760
2023
-3.007
2024
+11.412

Tabelle 1: Wanderungssaldo der letzten 13 Jahre (Quelle: LH München)

Prozentual fand im Jahr 2024 ein Austausch von ca. 5,9% der Stadtbevölkerung (Verhältnis von Wegzug zu Bevölkerungsstand am Jahresanfang) pro Jahr statt.

Über die letzten Jahre zeigt sich folgende Entwicklung des Wegzugs im Verhältnis zum Bevölkerungsstand:

Jahr
Bevölkerungsstand Jahresanfang
Wegzug im Jahresverlauf
Prozentualer Anteil
2014
1.464.962
100.491
6,9 %
2015
1.490.681
98.094
6,6 %
2016
1.521.678
106.578
7 %
2017
1.542.860
137.439
8,9 %
2018
1.526.056
105.349
6,9 %
2019
1.542.211
99.961
6,5 %
2020
1.560.042
93.921
6 %
2021
1.562.096
109.667
7 %
2022
1.562.128
111.300
7,1 %
2023
1.588.330
117.350
7,4 %
2024
1.589. 026
93.771
5,9 %

Tabelle 2: Wegzug im Verhältnis zum Bevölkerungsstand

In den letzten 10 Jahren lag der durchschnittliche Austausch bei ca. 7%. Interessant ist zu sehen, dass die Werte vor der Coronapandemie mit Ausnahme von 2017 tendenziell unter den Werten ab 2021 lagen. D.h. nach Ende der Pandemie war eine erhöhte Mobilität festzustellen.

Geht man nun von einer Unternehmensansiedlung mit etwa 500 Personen aus, ist der Prozentuale Anteil an dem Zuzug und somit auch dem Austausch nicht erheblich.

Wie alt sind die Zugezogenen?

Interessant ist auch die Aufschlüsselung des Zuzugs in die verschiedenen Altersgruppen. Die größte Kohorte der 2024 nach München gezogenen Personen liegt im Altersbereich von 20-39 Jahren. In diesem Lebensalter beginnen viele Menschen mit einer Ausbildung oder einem Studium. Mit Blick auf die 14 Hochschulen im Stadtgebiet München, die für rund 140.000 Studierende eine Ausbildungsstätte bieten, lässt sich also annehmen, dass es sich bei einem Großteil der Personen um Studierende handelt.

Alter
Anzahl
0-19 Jahre
15.538
20-39 Jahre
70.617
40-59 Jahre
14.843
60-79 Jahre
3.338
80 Jahre und älter
847

Tabelle 3: Zuzug nach Altersgruppen (Quelle: LH München)

Doch die Bevölkerung in München wächst nicht nur durch Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf eigenen Wunsch nach München verlagern. Ein Aspekt, der bei der Thematik „Zuzug“ oftmals außen vorgelassen wird, ist das Geburtensaldo der Stadt. Denn wenn über den Zuzug von Personen nach München gesprochen wird, muss auch beachtet werden, wie viele Menschen selbst in der Stadt geboren werden. Während Deutschland auf nationaler Ebene seit mehreren Jahrzehnten eine negative Geburtenbilanz aufweist, zeigt der Geburtensaldo in München ein anderes Ergebnis: im Stadtgebiet gibt es deutlich mehr Geburten als Sterbefälle – und das seit über zehn Jahren.

Konkret bedeutet das, dass ein stetiger Ausbau des Wohnungsangebots in München notwendig ist. Nicht nur für die Menschen, die neu in die Stadt kommen, sondern auch für die vielen „Münchner Kindl“ selbst. Dazu braucht es einerseits solide Finanzen im Stadthaushalt und die Bereitschaft privater Investoren, Immobilienprojekte zu finanzieren oder selbst umzusetzen. Ersteres lässt sich vor allem durch Gewerbesteuereinnahmen sicherstellen – dazu ist die Ansiedelung neuer Unternehmen notwendig. Denn neue Unternehmensansiedlungen schaffen Arbeitsplätze in jungen Sektoren und stellen sicher, dass der Wandel verschiedener Wirtschaftssektoren aufgefangen wird. So bleibt die wirtschaftliche Prosperität Münchens erhalten, von der alle profitieren.

Warum ziehen Menschen nach München?

In einer Wanderungsmotivuntersuchung der LH München aus dem Jahre 2011 waren die drei wichtigsten Zuzugsgründe die Nähe zum Arbeits-/Ausbildungsplatz, die gute Erreichbarkeit mit dem ÖPNV und die Lebensart in München.

2. Arbeitsplätze in Tech-Unternehmen und in München

Laut dem Statistischen Amt der LH München waren zum 30.06.2024 970.646 Personen in München sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Darunter fallen jedoch auch Pendlerinnen und Pendler.

In München waren zum 30.06.2023 705.609 Personen wohnhaft, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. 203.136 davon sind Auspendler. Daraus kann man schließen, dass 502.473 Personen der Münchner Bevölkerung auch im Stadtgebiet arbeiten. 2022 lag diese Zahl noch bei 491.904, was einem Anstieg von 10.569 Personen (ca. +2,1%) entspricht.

Für 2023 bedeutet dies, dass 52,3% der in der Stadt München sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auch in der Stadt München wohnen.

Wie bereits erwähnt, stehen insbesondere größere Unternehmen, die einen Standort in München auf- oder ausbauen, teilweise in der Kritik – zuletzt im Zusammenhang mit der Ankündigung von Apple, weiter in den Standort München zu investieren. So berichtete beispielsweise das Handelsblatt Mitte 2023, dass der Mietmarkt in München durch derartige Investitionen zusätzlich belastet werde.

Eine umfassende Statistik zu den Mitarbeiterzahlen größerer Konzerne an Münchner Standorten liegt derzeit nicht vor. Ein Artikel der tz (Juli 2021) liefert jedoch folgende Zahlen, die den damaligen Stand oder geplante zukünftige Entwicklungen widerspiegeln:

  • Apple: bis zu 1.500 Mitarbeiter
  • Google: Insgesamt 3.000 Mitarbeiter geplant
  • Huawei: ca. 600 Beschäftigte
  • Amazon: 2.500 Mitarbeiter
  • Microsoft: 1.800 Mitarbeiter
  • Fujitsu: 1.300 Mitarbeiter
  • SAP: 1.000 – 1.600 Mitarbeiter
  • Siemens Mobility: 470 neue Stellen

Damit sind insgesamt schätzungsweise 11.300 bis 11.750 Personen in diesen Großunternehmen tätig – das entspricht etwa 1,2 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in München. Zum Vergleich: Nach Angaben des Statistischen Amts München sind knapp 200.000 Personen im Bereich „öffentliche Verwaltung, Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen“ beschäftigt. Dieser Vergleich verdeutlicht, dass die Befürchtung, neue Unternehmensansiedlungen würden den Münchner Mietmarkt spürbar belasten, nicht gerechtfertigt ist – die Anzahl der Mitarbeitenden in den genannten Unternehmen ist bereits im Verhältnis zur Beschäftigtenzahl einzelner Wirtschaftsbereiche vergleichsweise gering.

Deep Dive Apple

Am Beispiel von Apple zeigt sich, dass Firmen oft dynamisch Wachsen und nicht innerhalb eines Jahres mit einer großen Anzahl an Mitarbeitern eine Ansiedlung vornehmen.

Laut Abendzeitung wurde 2015 der erste Apple-Mitarbeiter in der Entwicklung in München eingestellt. Stand September 2022 waren ca. 2.000 Beschäftigte in Münchner Standorten von Apple in der Entwicklung tätig.

Dies entspricht einem jährlichen Zuwachs von ca. 285 Mitarbeitern.

Im Selben Zeitraum stieg beispielsweise die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Landeshauptstadt München um 142.433 Personen, also jährlich ca. 20.347. (von 797.102 in 2015 auf 939.535 im Juni 2022)

Der Anteil vom durchschnittlichen Zuwachs von Apple-Beschäftigten am Gesamtzuwachs von Beschäftigten liegt demnach bei lediglich 1,4 %.

3. Branchenwandel

Die Stadt München unterliegt einem ständigen Branchenwandelt. Neben dem Aufbau neuer Arbeitsplätze fallen auch laufend Arbeitsplätze weg. Oder Unternehmen ziehen aus München weg, wodurch sich Arbeitsplätze verlagern.

Beispiele:
Während Ende der 1970er Jahre beispielsweise noch ca. 40.000 Mitarbeitende bei Siemens in München beschäftigt waren, sind es derzeit nur noch ca. 10.000.
Der 1999 in München gegründete E-Commerce-Marktplatz Mercateo Deutschland GmbH hat 2020 ca. 500 Arbeitsplätze von München nach Leipzig verlagert. Allein diese einmalige Verlagerung gleicht in der Theorie den Zuwachs von zwei Jahren Apple-Mitarbeitern aus. Und dieses Beispiel zeigt, dass auch Tech-Unternehmen aus München wieder wegziehen.

Dies bedeutet,

  • dass einer Ansiedlung eines neuen Konzerns auch immer Abwanderungsbewegungen bzw. Personalreduzierungen bei anderen Unternehmen gegenüberstehen. Gibt man den neuen Unternehmen keinen Raum, sich anzusiedeln und sich in der Folge zu entwickeln, führt dies zu einem stetigen wirtschaftlichem Ausbluten der Stadt, da auf der anderen Seite die Abbau- und Abwanderungsbewegungen kontinuierlich stattfinden.
  • dass es ohne große Unternehmen für Städte in Zukunft schwierig sein wird, im Wettbewerb mit anderen Regionen attraktiv zu bleiben.

4. Auswirkungen von Unternehmen auf den Wohnungs- und Mietmarkt

Die Stadt München weist für die vergangenen 10 Jahre folgende Zahlen zu den genehmigten und fertiggestellten Wohnungen auf:

Anzahl Wohnungen
Baugenehmigungen Fertigstellungen
2014
8.565
7.026
2015
8.445
6.596
2016
9.660
7.815
2017
13.475
8.272
2018
12.581
8.094
2019
10.929
7.121
2020
11.528
8.289
2021
8.655
7.140
2022
8.098
7.522
2023
9.093
9.837

Tabelle 4: Genehmigte und fertiggestellte Wohnungen (Quelle: Statistisches Amt München)

Der jährliche Zuzug nach München – induziert durch die oben genannten Hightech-Unternehmen – kann nur geschätzt werden. Nimmt man die Zahlen aus den Medien, arbeiten derzeit ca. 11.300 Personen in großen High-Tech Unternehmen.

Geht man von einer Einpendlerquote in München von 39.3 % (Pendleratlas der Arbeitsagentur, Januar 2025; siehe oben) aus, könnten ca. 6.859 Mitarbeitende der oben genannten Tech-Unternehmen im Stadtbereich wohnen. Selbst wenn der prozentuale Anteil der in München wohnenden Beschäftigten deutlich höher ist (was bei den jüngeren Beschäftigten der Tech-Unternehmen durchaus angenommen werden kann). Der Zuzug dieser Personen verteilt sich jedoch auf viele Jahre, so dass je Jahr nur ein Bruchteil der fertiggestellten neuen Wohnungen von diesen Personen belegt wird. Zudem ist nicht davon auszugehen, dass sämtliche Beschäftigte der Tech-Unternehmen neu nach München ziehen und jeweils alleine eine Wohnung belegen.

Rechenbeispiel bei einem Beschäftigtenzuwachs 1000 Mitarbeitenden in einem Jahr:

  • Neue Mitarbeiter: 1.000 Personen (nur durch Tech-Unternehmen)
  • Davon vermutlich in München wohnhaft bei Einpendlerquote von 47,7%: 607
  • Neue Wohnungen 2023: 9.837

Fazit: Durch Tech-Zuzug würden 6,2% der neuen Wohnungen beansprucht werden.

Welche Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt gibt es noch?

Ein gewisser Effekt von Ansiedlungen von Großunternehmen bzw. Tech-Unternehmen auf städtische Wohnungsmärkte ist nicht von der Hand zu weisen, dennoch müssen diese Effekte nicht zwingend negativ sein. Der Zuzug sorgt für Nachfrage nach neuen Wohnungen und hält damit den Neubau in Gang, was den Wohnungsmarkt insgesamt entlastet.

Fazit:

Die wirtschaftliche Dynamik Münchens ist ein wichtiger Pfeiler des Wohlstandes – für neu Zugezogene ebenso wie für langjährige Einwohnerinnen und Einwohner. Die Ansiedlung neuer Unternehmen trägt dazu bei, Arbeitsplätze zu schaffen, den Wandel von Wirtschaftssektoren zu begleiten und die Gewerbesteuereinnahmen zu sichern. Diese Entwicklung schafft die finanzielle Grundlage, um langfristig in Wohnungsbau, soziale Infrastruktur und Lebensqualität zu investieren. Eine entwicklungsfreundliche Perspektive ist daher kein Widerspruch zum Erhalt des sozialen Gleichgewichts – sie bildet vielmehr die Basis für eine nachhaltige Stadtgesellschaft, die allen Münchnerinnen und Münchnern zugutekommt.

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